Fazit AfD Bundestags-
wahlkampagne

Morgen ist der Tag der Entscheidung und Deutschland wählt einen neuen Bundestag. Wir haben in den vergangenen Beiträgen unter anderem die Landtagswahlkampagnen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern analysiert. Zur Bundestagswahl wurde bereits in der Vergangenheit viel von uns geschrieben. Zeit also für ein Gesamtfazit der Wirkung und Gestaltung der Kampagne im Spannungsfeld der zentralen strategischen Konflikte und Zukunftsfragen der AfD. 

Der Feldzug-Blog ist bereits an anderen Stellen in diesem Wahlkampf detailliert auf die Bundestagswahlkampagne der AfD unter dem Motto „Deutschland. Aber normal“ eingegangen. Wir haben Visualität und grafische Elemente untersucht, einzelne Konkurrenten analysiert, inhaltliche Kernthemen beleuchtet, mit Wahlkämpfern gesprochen und einen Blick auf die digitale Kampagne der Partei geworfen. Es ist Zeit für ein Gesamtfazit und künftige strategische Ausblicke, die auch die politischen Spannungsfelder innerhalb der Partei berücksichtigen. 

In der zeitlichen Gesamtbetrachtung dürften die beiden letzten Jahre 2020 und 2021 die schwierigsten für die AfD gewesen sein. Die Partei ging zwar bereits Anfang 2015 durch eine kleine Talsohle nach dem Abgang des Parteimitgründers Bernd Lucke und seines Anhangs, mit dem Aufkommen der Migrationskrise entwickelte sich jedoch neue Dynamik und die Partei schärfte anhand dieses Themas ihr Profil. Mit starkem Schwung zog sie in alle Landesparlamente der Republik ein. Seit Beginn der Corona-Krise Anfang 2020 scheint dieser Trend vorerst an sein Ende gekommen zu sein. Nun steht die Partei vor wegweisenden Richtungsentscheidungen und strategischen Debatten, die schon beim Weggang von Lucke und Petry die innerparteilichen Konflikte verschärften. Lucke erkannte nicht das historische Momentum der AfD, sich langfristig als im wahrsten Sinne rechtspopulistische Oppositionskraft im bundesrepublikanischen Parteiensystem festzusetzen. Seine Pläne und Vorstellungen standen im harten Antagonismus zu jenen Mitgliedern, die die AfD nicht nur als herkömmliche Partei sahen, sondern als Kulminationspunkt und Vertretung eines rechtskonservativen Milieus, welches gesellschaftlich-demoskopisch durchaus ein Potential von 20%+X aufweist.

Petry wollte der Partei eine Strategiedebatte über die Regierungs- und Koalitionsbereitschaft der AfD aufdrängen, die kurz vor der Bundestagswahl 2017 völlig deplatziert erschien. Dennoch blieb die Frage zwischen realen politischen Gestaltungsmöglichkeiten und der reinen Repräsentation von Unzufriedenen in der bundespolitischen Macht- und Rollenverteilung die entscheidende Konfliktfrage für die AfD. Diese Frage tritt auch in Gestalt des aktuellen AfD- Bundestagswahlkampfes auf.  

Mit der Kampagne „Deutschland. Aber normal“ hat die AfD einen experimentellen Aufschlag gesetzt, dessen Erfolgs- oder Misserfolgsperformance wir am Wahlabend beurteilen werden. Es wurde eine Kampagne entwickelt, die harmlos, defensiv und genügsam wirkt und den Spagat wagt zwischen oppositionellem Markenkern und dem Bestreben, neue Wählermilieus aus dem sogenannten „bürgerlich-konservativen“ Lager zu gewinnen.
Mit dem Oberbegriff der „Normalität“ konnte gewiss ein Sehnsuchtsnarrativ vieler Menschen in diesem Land aufgegriffen werden. Es fehlte jedoch die mitreißende und emotionale Erzählung, die Normalität auch als Schicksalsfrage begreift und nicht nur als die Antithese zum „Alltags-Gaga“ dieser Republik. Man versuchte die Menschen abzuholen, ihren spontanen Impuls einzufangen, wenn sie sagen: „Das ist doch alles nicht mehr normal“. Dies dürfte rein demoskopisch ein sehr breites Wählermilieu sein. Doch war die Ansprache vielleicht sogar zu breit, um damit spezifische Zielgruppen zu adressieren? Zu unkonkret, um bestimmte Milieus und soziale Gruppen zu clustern und kommunikativ anzusprechen.  

Allzu oft gewann man den Eindruck, dass, wenn die AfD sagt, sie wolle die Normalität, eher nur ein regressives Bewahren der Banalität gemeint ist. In den Werbespots der einzelnen Kampagnen in MV, Berlin und im Bund sprach die Partei von sauberen Straßen, mehr Polizisten, einer harten Währung, sicheren Grenzen und der Befreiung aus dem ewigen Lockdown. Das erfasst das Lebensgefühl all jener, die sich der verrückten Durchideologisierung unserer Gesellschaft verweigern und die „das Gestern“ mit mehr Zufriedenheit, Wohlstand und Genügsamkeit verbinden. Jörg Meuthen sprach auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der Kampagne davon, dass die AfD sich politisch für die Zustände vor der Ära Merkel einsetze. Ob dies nun ein geschickter kommunikativer Schachzug war, um Merkel für den Wahlkampf als Antagonistin präsent zu halten, kann nur spekuliert werden. Es bringt jedoch auch ein visionäres Defizit zum Ausdruck, welche politische und soziale Konzeption die AfD sich in einem zukünftigen Deutschland anno 2030 vorstellt. Die AfD will mit der „Deutschland. Aber normal“-Kampagne auch ihrer Wahrnehmung als „ewige Fundamentalopposition“ entgegenwirken. Lagerübergreifend ist man sich einig, dass man nicht einfach nur einen limitierten gesellschaftlichen Repräsentationsraum einnehmen will und einzig ein parlamentarisches Korrektiv sein möchte. Dass die AfD politisch gestalten will, dürfte vom nationalkonservativen bis hin zum liberalen Lager Konsens sein. Dissens gibt es bei der Frage nach dem Weg dorthin. Was beiden Lagern fehlt, ist die strategische Konkretisierung dieser Ziele. Dazu gehören folgende Punkte:

  1. Erweiterung und Verfestigung des eigenen programmatischen und fachpolitischen Kompetenzprofils.

  2. Lokale Verankerungen und Communitybildung, um der volatilen Protestwählerschaft dauerhafte politische und strukturelle Angebote in der Fläche zu machen und diese so langfristig an sich zu binden.

  3. Mediale Gegenöffentlichkeit, die die Dominanz in den dezentralen digitalen Plattformen weiter ausbaut und professionalisiert.

  4. Tiefgehende und datenbasierte Zielgruppenanalyse zum Erkenntnisgewinn über spezifische AfD-Wählerprofile und ihrer demographischen, ökonomischen und kulturellen Struktur.

All diese Fragen wären einer langfristigen Ausrichtung vorgelagert. Doch die Partei beschäftigt sich noch zu stark mit Fragen der Tonalität und dem Auftreten und hofft dabei, dass es einfach nur einen Umschaltknopf der politischen, sozialen und gesellschaftlichen Macht gäbe, den man umlegen müsste und die Dinge würden ihren Lauf nehmen. Doch die entscheidenden Zukunftsfragen der Partei sind struktureller Natur und müssen dabei schonungslos die bestehende Machtkonfiguration und die daraus abzuleitenden Gestaltungsoptionen berücksichtigen.

Zusammenfassend war die Kampagne also der Versuch, bestehende AfD-Wählerpotentiale zu erweitern. In einem neuen Ton, neuer Visualität ist man bewusst das Risiko eingegangen, einen Teil seines Marken- und Parteiidentitätskernes abzulegen und eine breitere Wählbarkeit der Partei zu ermöglichen. Dies könnte in Teilen auch zulasten einer gewissen Mobilisierungskraft gegangen sein. Während die AfD noch 2017 mit dem Motto „Trau dich Deutschland“ ein Motto mit Mutappell und Aufbruchsgeist formulierte, ist das aktuelle Motto wesentlich zurückhaltender. Innerparteiliche Konflikte, die vor allem in der Wahl der Spitzenkandidaten ein dichotomisches Momentum fanden, waren ein weiterer Bremsklotz. Viele Wahlkämpfer bestätigen, dass die Marktplätze deutlich leerer waren als 2017 und auch die Motivation der Mitglieder wesentlich geringer ausfiel. Dies alles muss aber noch nicht heißen, dass die Kampagne falsch gewählt war und leichte Verluste am morgigen Sonntag ausschließlich am Motto „Deutschland. Aber normal“ liegen müssen. Die Kampagne war eine interessante kommunikative Versuchsanordnung, die den Umfragen nach voraussichtlich keine wesentlichen Verluste eingefahren hat, aber möglicherweise ihr Ziel zur Erschließung neuer Wählergruppen verfehlen wird. Warten wir den morgigen Sonntag ab und hoffen auf das Beste!

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