Wer sind die Arbeiter?

Sie sind die prozentual stärkste Wählergruppe für die AfD: Die Arbeiter. Für die einen die demoskopische Konstante mit Ausbaupotential. Für die anderen ein zu limitierter Wählerraum, um die AfD auf Ergebnisse von über 15% zu skalieren. Wir haben uns durch mehrere Studien, Statistiken und Publikationen gearbeitet und dabei Wahlmotive der Arbeiterschaft analysiert und dabei auch versucht das sozioökonomische Feld der AfD zu vermessen. Ein wichtiger Beitrag für alle, die mehr über über Motive und Werteinstellungen der AfD-Wähler erfahren wollen.

Kaum ein Thema spaltet die inhaltlich-programmatisch Stoßrichtung der AfD so sehr wie die Frage nach dem Verhältnis zu »den Arbeitern«. Auf dieser Basis werden unterschiedliche sozioökonomischen Fragen zur Bestimmung der relevanten Zielgruppen gestellt. Mit Blick auf die Ergebnisse und Statistiken zu den letzten Bundes- und Landtagswahlen wird deutlich, dass die AfD innerhalb der Arbeitermilieus die größten Zustimmungswerte erreicht. Die innerparteilich konkurrierenden Lager ziehen aus diesen Ergebnissen ihre unterschiedlichen Schlüsse. Für die einen sind die starken Ergebnisse unter den Arbeitern Indiz für eine »Proletarisierung« der Partei, die am Ende nur bürgerlich-konservative Wähler abschrecke. Die anderen wiederrum sehen unter den Arbeitern ein wachsendes Potential, um die AfD langfristig als sozialpatriotische Alternative zu etablieren. In beiden Lagern erlebt man jedoch auch häufig genug Fehlannahmen, Wunschprojektionen und falsche Schlussfolgerungen, wie wir im Laufe des Artikels aufzeigen werden.

Über die Rolle der modernen Arbeitermilieus und ihrer Präferenz gegenüber rechtspopulistischen (im positiven Sinne verstanden) Bewegungen und Parteien gibt es inzwischen massenhaft Forschungsliteratur und Studien, die auf empirischer Grundlage ein differenziertes Bild vom Verhältnis der Arbeiter zur AfD und anderen rechtskonservativen-populistischen Parteien zeichnet. Von marxistischen und klassenkämpferischen Deutungsmustern bis hin zur Untersuchung soziokultureller und mentaler Wertekoordinaten treffen unterschiedliche Ansätze aufeinander, die selten eine einheitliche Deutung zulassen, aber sehr wohl Tendenzen und gesellschaftliche Atmosphären abbilden.

Das postindustrielle Zeitalter

Bis heute halten sich in den Vorstellungswelten vieler politischer Akteure die stereotypen Bilder von »den Arbeitern« als rußverschmierte Bergbaukumpels und Stahlwerkarbeiter. In den soziologischen Milieudifferenzierungen zwischen Arbeitern und Angestellten wird zumeist noch die klassische Unterscheidung zwischen handwerklicher und kognitiver Tätigkeit vorgenommen. In der Realität verschwimmen diese Grenzen zunehmend und spielen lediglich vereinzelt unter arbeitsrechtlichen Gesichtspunkten (Versicherungsverhältnisse, Lohntarife etc.) eine Rolle.

Seit 1960 erlebt die klassische Arbeitswelt einen fundamentalen Wandel von der industriebasierten Volkswirtschaft hin zu einer Dominanz der Dienstleistungsökonomie, womit auch die wachsende Zahl der Angestelltenverhältnisse zu erklären ist. Während es zu Beginn der 90er Jahre noch knapp 12 Millionen Gewerkschaftsmitglieder gab, so ist die Zahl heute auf knapp 6 Millionen geschrumpft. In der konventionellen marxistischen Lesart galt die Arbeiterklasse noch als einheitlicher sozioökonomischer Block mit ähnlichen Erfahrungswelten. Dieser Block wurde jedoch durch veränderte Erwerbsbiografien, Spezialisierungsanforderungen, Globalisierung und Flexibilisierung immer mehr aufgebrochen. Neue Herausforderungen wie Zertifizierungen und lebenslanges Lernen und berufliche Mobilität gewinnen an Bedeutung in der Arbeitswelt. Während es früher üblich war, nach der Ausbildung höchstens einmal im Leben in einen anderen Betrieb zu wechseln, so sind heutzutage Wechsel zwischen fünf oder sechs unterschiedlichen Arbeitgebern inklusive Umschulung und Weiterbildung keine Seltenheit mehr.

In der Lohnentwicklung der letzten 20 Jahre sehen wir hingegen einen stetigen Anstieg der Nominallöhne und eine relative Stagnation mit allenfalls leichten Zuwächsen beim Reallohnindex. Dieser Fakt deutet schon auf ein zentrales Missverständnis im Richtungsstreit der AfD hin, nämlich dass das Arbeitermilieu zwar von einer Prekarisierung der Arbeitsbedingungen, nicht aber von Niedriglöhnen und Einkommensschwäche geprägt sei. Tatsache bleibt jedoch, dass die Reallöhne zunehmend durch die Steigerung des Preisindexes immer weiter sinken, wodurch es für den durchschnittlichen Arbeiter zwar reicht, einen vernünftigen Lebensstandard zu halten, aber der Aufbau von Sparvermögen immer schwieriger wird.

Die Arbeitswelt wurde also aufgezerrt und kann demnach kaum mehr als ein einheitliches politisches oder soziales Subjekt betrachtet werden. Die Vision vieler linker Parteien, die Arbeiterklasse zu einem einheitlichen Subjekt mit politischer Wirkkraft zu formen, ist in ganz Europa seit nunmehr knapp 20 Jahren eine Geschichte des Scheiterns. Zahlreiche Studien wurden von linken und sozialdemokratischen Stiftungen verfasst, die allesamt nur zum ratlosen Fazit kamen, dass die sozialdemokratischen Parteien nicht mehr die gleiche Bindungskraft haben wie noch im 20. Jahrhundert. Als Gründe werden dafür meist neoliberale Regierungsexperimente von sozialdemokratischen Parteien und eine wachsende Konkurrenz im linken Lager angeführt. Viele linke Denker kommen nicht über ihre eigenen marxistischen Denkbarrieren hinaus und imaginieren sich klassenkämpfende Subjekte, die sich im postindustriellen Zeitalter schon lange nicht mehr als politische Kampf- oder Willensgemeinschaft verstehen wollen. Mit dem Aufstieg der AfD in Deutschland und der neugewonnenen Stärke rechtspopulistischer Parteien in Frankreich, Österreich und Italien tritt jedoch ein weiterer Aspekt hinzu, der sich explizit mit der kulturellen Dimension auseinandersetzt.

Der Kulturkampf

In zahlreichen Studien wurden bereits Zusammenhänge zwischen ökonomischer Statuslage, soziokulturellem Wertekompass und einer Wahlentscheidung zu Gunsten der AfD untersucht. Dabei wird in nahezu allen Studien deutlich, dass weniger die konkrete und reale ökonomische Lage eine Wahl für die AfD begünstigt, als vielmehr subjektive Wahrnehmungshorizonte, Biographiemuster und Mentalstrukturen.

Aufbauend auf dem sozioökonomischen Panel 2016 (SOEP) untersuchten die Autoren Holger Lengfeld und Clara Dilger bereits 2018 zwei empirische Ansätze, die die Sympathie für die AfD aus ökonomischen und/oder kulturellen Bedrohungen erklärten. Die große Klammer beider Ansätze bleibt vor allem die grundsätzliche Skepsis vor der Zuwanderung und den Folgen der multikulturellen Gesellschaft. In der ökonomischen Dimension der „Modernisierungsverliererthese“ wird die steigende Zuwanderung als Konkurrenz und Bedrohung zu Arbeitsmarkt, Sozialleistungen und Wohnungsmarkt gesehen. Die kulturelle Bedrohungsthese drückt hingegen ein weitaus tieferes Phänomen aus, welche sich dem rein materiellen Aspekt entzieht und die Konfliktlinie zwischen kommunitaristischen und kosmopolitischen Einstellungsmustern eröffnet.

Grundsätzlich finden sich im „SOEP“ Variablen, die zwar die ökonomische-orientierte Modernisierungsverliererthese stützen, aber zugleich auch verdeutlichen, dass der Kern der AfD-Wählerschaft sich nicht über ein einziges spezifisches Milieu mobilisiert. In den unteren Einkommensklassen mit niedriger Bildung ist zwar eine höhere AfD-Affinität erkennbar, zugleich aber hat die Partei mehr Sympathien und Zustimmung unter Selbstständigen und ist auch insgesamt beliebter unter Erwerbstätigen. Bei Menschen mit mittlerem Einkommen und durchschnittlicher Schulbildung kann die AfD vergleichsweise ähnlich stark punkten wie andere Parteien. Lengfeld und Dilger kommen daher zu dem Schluss:

„Daraus schließen wir, dass die AfD zwar häufiger von Modernisierungsverlierern, aber auch von einem Teil der Mittelschichten getragen wird. Dagegen deutet die Variable zur Flüchtlingszuwanderung auf eine klare kulturelle Spaltung zwischen den AfD-Anhängern und den Anhängern anderer Parteien hin“

Vehrkamp und Wegschaider verwenden in ihrer Studie „Populäre Wahlen – Mobilisierung und Gegenmobilisierung der sozialen Milieus“ bewusst die Dichotomie zwischen „Modernisierungskeptikern“ und „Modernisierungsbefürwortern“. Ihr Ansatz über eine Kategorisierung der einzelnen Sinus-Milieus liefert eine räumlich-multidimensionale Darstellung sozioökonomischer Einordnungen, kultureller Einstellungsmuster und Wertematrixen, mit deren Hilfe sich das Wählerspektrum in unterschiedliche Bereiche einordnen lässt. Für die AfD sehen sie zwar eine besonders hohe Mobilisierungsfähigkeit innerhalb des „prekären Milieus“, stellen aber zugleich fest, dass sich in absoluten Zahlen die AfD-Wählerschaft recht gleichmäßig über alle ökonomischen Zuordnungsgruppen verteilt und die verbindenden Elemente über den Block der Modernisierungsskepsis verlaufen. Im Speziellen bleiben der zusammenhaltende Kitt und die Existenzberechtigung der AfD für die meisten Wähler die Ablehnung der Zuwanderung.

Die quantitative Aufteilung des gesamten Wählerspektrums innerhalb der Modernisierungsskeptiker- und Befürworter-Dichotomie sehen die beiden Autoren in einem knappen 50:50 Verhältnis. Die abstrakte Gefühlsstruktur der Skeptikerseite beschreibt Kohlrausch folgendermaßen:

(…) dass Personen, die den Aussagen »Ich stecke in unsicheren Billigjobs fest«, »Durch die Digitalisierung wird die Kontrolle und Überwachung an meinem Arbeitsplatz immer größer« und »Über mein Leben wird irgendwo draußen in der Welt entschieden« zustimmen, in allen Gehaltsgruppen häufiger Abstiegsängste haben. Abstiegsängste speisen sich somit auch aus dem Gefühl, den Unsicherheiten, die gesellschaftliche Veränderungen wie Digitalisierung oder Globalisierung mit sich bringen, ausgeliefert zu sein. Sie sind nicht zuletzt Ausdruck des Gefühls, die Kontrolle über die Gestaltung des eigenen Lebens verloren zu haben. Diese Angst zieht sich durch alle Gehaltsgruppen – sie ist somit von der finanziellen Situation ein Stück weit entkoppelt. Dennoch haben sie einen realen sozialen Bezug, nämlich die konkreten Erfahrungen, die Menschen am Arbeitsplatz machen.

Hiermit wird deutlich, dass das Gefühl des Kontrollverlustes und der persönlichen Unverfügbarkeit des Lebens und der eigenen sozialen Umwelt eine recht große Antriebsfeder für die hohen Zustimmungswerte der Arbeitermilieus zur AfD sein könnte. Die Selbstkontrolle über die Erwerbsbiographie und Aufstiegschancen gehen verloren und die Arbeitsplatzsicherheit, vor allem in den noch präsenten industriellen Sektoren, gerät unter steigenden Globalisierungsdynamiken zunehmend unter Druck. Der wachsende Gesamtwohlstand der letzten Jahre und die niedrigen Arbeitslosenzahlen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass grundlegende Sicherheits- und Stabilitätskonstanten, die in der alten Arbeitswelt noch galten, verlustig gegangen sind.

Jule-Marie Lorenzen, Denis Neumann und weitere Autoren geben in einem Beitrag in der Monographie „Arbeiterbewegung von rechts?“, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung,  aus den Ergebnissen zahlreicher qualitativer Interviews in Fokusgruppen nochmals einen tieferen Einblick in die lebensweltlichen Verhältnisse der AfD-Wählerschaft. Sie stellen fest, dass es zwar im einkommensschwachen Prekariat durchaus eine erhöhte Affinität für die AfD gibt, aber selbst in diesem Milieu die Motivlagen weniger soziale Fragen oder materielle Verteilungskonflikte sind. Sie glauben an das Leistungsversprechen in der Marktwirtschaft und sind wesentlich stärker von sozialen Abstiegsängsten geprägt als von einer realen Selbstzuordnung zur gesellschaftlichen Unterschicht. Vielmehr sind es übergenerationale Erfahrungen und Eindrücke aus dem sozialen Umfeld mit prekärer Lebenssituation, die dann auch selbstreflexiv auf die eigenen Statussorgen übertragen werden. Die Autoren schließen ihre Ergebnisdarstellung mit folgendem Fazit ab:

„Mit unseren Daten lässt sich die These von einer Arbeiterbewegung von rechts also nicht stützen; es wird nicht die soziale Frage neu verhandelt, sondern der Angst vor dem Abstieg Ausdruck gegeben. Unsere AfD-Sympathisanten gehörten tendenziell eher der Mittelschicht an und zeichnen sich durch diffuse Zukunftsängste und Sozialneid aus.“

Die allgemeine Abstiegsangst in Deutschland ist schließlich nicht mehr nur ausschließlich ein Phänomen unterer Einkommensklassen, sondern inzwischen bis weit in die oberen Mittelschichten vernehmbar. Das zeigt auch eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung unter dem Titel „Abstiegsängste in Deutschland“. Die Autoren machen deutlich, dass die Befunde für Abstiegssorgen unterschiedliche Dimensionen haben können. Sowohl finanzielle Einbußen, Verschlechterung der eigenen Arbeitsposition im Betrieb als auch der generelle Lebensstandard können je nach unterschiedlicher Gewichtung bis zu 20-40% der Wählerschaft mit Abstiegssorgen identifizieren.

 

Zwar sind die Abstiegssorgen in unteren Einkommensklassen stärker ausgeprägt und sinken in den unmittelbar höheren Einkommensklassen; in den oberen Einkommensschichten nehmen sie dann jedoch wieder zu und unterstreichen auch die Sorge von einem Statusabstieg auch in den höheren Einkommensklassen. 

Grundsätzlich merken jedoch auch Kritiker der Studie an, dass in der Langzeitbetrachtung die Abstiegssorgen in der Gesamtbevölkerung abgenommen haben. Auch in vielen Umfragen zu sozioökonomischen Selbsteinschätzungsfragen gibt die Mehrheit stets an, sowohl mit der objektiven als auch subjektiven wirtschaftlichen Lage zufrieden zu sein. Die AfD-Anhängerschaft schätzt ihre Lage im Vergleich zu den Wählern anderer Parteien am niedrigsten ein.

Auch in den meisten Umfragen zu den wichtigsten Problemen der AfD-Wähler in den Deutschlandtrends oder dem ZDF-Politbarometer liegt die große Sorge der AfD-Wähler nicht in der Unmittelbarkeit oder Gegenwärtigkeit der ökonomischen Problemlagen, sondern in der Antizipierung und Zukunftsvoraussicht auf kommende Ereignisse und Entwicklungen, die sich mit einer Art erwerbsbiographischen Kontrollverlust beschreiben lassen.

Die Wählerstruktur der AfD zu verstehen, ist eine Mammutaufgabe für Demoskopen und Politanalytiker. Vor allem in der ökonomischen Dimension trifft man häufig auf vermeintliche Widersprüchlichkeiten und Inkonsistenzen. Wirft man einen genauen Blick auf die Einkommensverteilungen (eingeteilt nach „Dezile“ – 1 Dezil geringstes Einkommenszehntel; 10 Dezil – höchstes Einkommen), so ist die AfD-Wählerschaft zwar in den unteren Einkommensdezile präsenter, zur Mitte hin schwächer und dann wieder in den oberen fast genauso stark vertreten.

Auch in der Abfrage von persönlichen finanziellen Lebenseinstellungen zieht sich der ambivalente Faden innerhalb der AfD-Sympathisanten fort. Einerseits legen viele Wert auf einen materiell gehobenen Lebensstil (vgl. Bertelsmann-Studie zu den Einstellungsmustern unterschiedlicher Wertemilieus innerhalb der Corona Pandemie) und schätzen auch materiellen Konsum und individuellen Status.

Andererseits zeigen sich in Studien wie der von der Konrad-Adenauer-Stiftung zu den „Lebensvielfalten der Wählerschaft in Deutschland“, dass AfD-Sympathisanten sich eher nur selten einen größeren Urlaub leisten können. AfD-Wähler scheinen damit einem traditionell-konservativen Grundimpuls zu folgen, wonach der eigene Statuserhalt und langfristige materielle Güter als wichtiger erachtet werden als ein kurzweiliges Vergnügen wie etwa teure Urlaubsreisen.

Im Feld der Durchschnittseinkommen lassen sich in der AfD-Anhängerschaft zusätzlich weitere interessante Faktoren beobachten, die einmal mehr nahelegen, dass die Unzufriedenheit und Abstiegssorge sich eher aus einer Prekarisierung der unmittelbaren Arbeitsbedingungen und dem drohenden Verlust der eigenen Statusposition zieht und weniger aus einer finanz- und einkommensschwachen Position. So stellt das „Deutsche Institut für Wirtschaft“ (DIW) in seiner Studie aus dem Jahr 2017 fest, dass die AfD zwar bei den Nettohaushaltseinkommen mit 2.933€ im mittleren Durchschnitt im Vergleich zu den anderen Parteien liegt. Gleichzeitig sind die Stunden- und Tariflöhne jedoch deutlich niedriger und fallen sogar hinter dem Durchschnittslohn der Linksparteiwähler zurück. Das heißt, AfD-Wähler müssen somit meist mehr Stunden arbeiten oder mehrere Billigjobs gleichzeitig ausführen, um ihren Lebensstandard zu halten. Man muss dabei jedoch auch die mögliche Verzerrung berücksichtigen, dass nicht jedes Einkommen sich auch aus der Erwerbsarbeit zusammensetzen muss.

In der regionalen Betrachtung hat das DIW vor einigen Jahren demographische und geographische Indikatoren anhand von Wahlkreisanalysen untersucht, die eine Wahl für die AfD begünstigen. In der Makrodimension kennen wir alle die klassische Ost-West-Teilung in den prozentualen Zustimmungswerten. Dass DIW hat jedoch weitere Faktoren hinzugezählt, die möglicherweise auch manche Erfolge im Westen erklären, die mit dem Gesamtphänomen des Ostens zunächst weniger gemein haben dürften. Dafür wurden insgesamt vier Clusterregionen in Ost und West ausgewählt, in denen die AfD besonders stark abgeschnitten hat und darauf die unterschiedlichen sozioökonomischen Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Ausländeranteil, Bevölkerungsdichte, Altersdurchschnitt etc. angewendet und somit schließlich auf ihre Abweichungen in den Regionen zueinander untersucht. So wird deutlich, dass die AfD im Westen neben sozialen Brennpunkten wie dem Ruhrgebiet auch in wirtschaftlich starken Regionen wie den süddeutschen Industriestädten und den ländlichen Regionen Ostbayerns gut abschneidet. Die Macher der Studie weisen dabei auf drei zentrale Zusammenhänge hin.

  • Die AfD ist vor allem in Regionen stark, die noch durch einen starken industriellen Sektor oder durch eine überdurchschnittliche Zahl von Handwerksbetrieben gekennzeichnet sind.
  • In Ostdeutschland sind es vor allem demographisch überalterte Landkreise mit hoher Abwanderung und schwach ausgebauter Infrastruktur. Die Einkommensstrukturen weisen nur wenige Korrelationen auf. In westdeutschen Gebieten wie dem Ruhrgebiet sieht dies schon etwas anders aus, da für Westdeutschland die durchschnittlichen Einkommen in den Landkreisen teilweise stark auseinanderfallen.

Die anderen untersuchten Variablen wie der Ausländeranteil oder aber auch die Arbeitslosenquote spielen aufgrund der hier stark voneinander abweichenden regionalen Unterschiede zwischen einzelnen Westregionen (hoher Ausländeranteil, weniger Arbeitslosigkeit) und dem Osten (geringer Ausländeranteil, hohe Arbeitslosigkeit) eher eine untergeordnete Rolle.

Ebenfalls auffällig bei den regionalen Schwerpunktbetrachtungen ist das Stadt-Land Gefälle. In einem lesenswerten Beitrag auf dem konflikt Magazin untersucht der Autor Martin Scheliga mit mehreren sozioökonomischen Variablen die AfD-Ergebnisse in den Wahlkreisen. So wird bspw. deutlich, dass Hartz-IV-Empfänger nur dann eine erhöhte Affinität für die AfD haben, wenn sie auch abseits der urbanen Zentren leben. In den großen Metropolregionen ist das Ergebnis bei Hartz-IV-Empfängern meist ähnlich hoch und teilweise sogar leicht unterdurchschnittlich im Vergleich zur Gesamtwählerschaft in der jeweiligen Region. Auch hier kommt Scheliga wie bei der Studie des DIW zu ähnlichen Ergebnissen bei den Durchschnittseinkommen. Im Südwesten zeichnet sich die AfD-Wählerschaft durch hohe Einkommen aus und im Osten meist durch niedrigere im Bundesdurchschnitt.

Fazit und Zusammenfassung

1.Kulturkonflikt statt sozialer Frage?

Um die eigenen Zielgruppen zu verstehen, reicht es nicht nur aus, auf ihre sozioökonomische Klassenzugehörigkeit zu verweisen. In fragmentierten und flexibilisierten Parteisystemen und generell beschleunigten gesellschaftlichen Dynamiken können die ökonomischen Erklärungsfolien lediglich als ergänzende analytische Variable herangezogen werden. Die Studienlage der letzten Jahre verweist auf einen leichten Überhang von prekären und ökonomisch abgehängten Milieus innerhalb der AfD-Wählerschaft, doch zugleich entkoppeln sich die psychologischen Motivlagen meist von unmittelbaren materiellen Verteilungskonflikten und einer neu zu verhandelnden sozialen Frage.

Ein tieferes Verständnis erhält man möglicherweise bei Betrachtung der kulturellen Konfliktlinie zwischen Kommunitaristen und Kosmopoliten. Hierüber lässt sich deutlicher nachzeichnen, dass die Entstehung und der Erfolg der AfD nicht allein innerhalb einer neuen sozialen Verhandlungsfrage entstanden ist, sondern aus einem gesellschaftlichen Gesamtklima, welches die Grundpfeiler unserer Identität und nationalstaatlichen Souveränität angreift. Die Euro-Frage im Entstehungsjahr der AfD 2013 war ein Katalysator, weil es um die elementare Frage der Selbstbestimmung ging und nicht um die finanzpolitischen Details. Sowohl in der Euro- als auch in der Migrationskrise ging es immer auch um die Erneuerung fundamentaler Identitätsfragen: Wer sind wir? Warum lohnt es sich zu erhalten was wir haben? Der Rechtspopulismus in ganz Europa ist damit auch die mentale Gegenbewegung des Globalismus, dessen Großdimension alle wesentlichen Zeitfragen zusammenfasst – nicht nur die ökonomische.  

Das bedeutet, wie es Benedikt Kaiser in seinem Buch „Solidarischer Patriotismus“ beschreibt, dass eine soziale Frage von rechts nur vom nationalstaatlichen und identitären Imperativ getragen sein kann. Die materialistischen Deutungsmuster von links – dass zeigen auch die meisten Studien – kommen immer wieder zu den gleichen Ergebnissen, wenn sie feststellen, dass man die AfD kaum mit sozialpolitischen Angeboten für das linke Parteienspektrum zurückgewinnen könne. Die entfesselten Kulturdynamiken in Fragen der Zuwanderung und politischen Korrektheit ist man jedoch nicht bereit zu stoppen. Die „woke-Ideologie“, der Multikulturalismus und die politische Korrektheit sind inzwischen fest in der linken DNA verankert und lassen sie politische ohnmächtig zurück

2.Weder Prekariat noch intellektuelles Bürgertum

Nahezu alle Studien zeigen, dass die AfD keine eindeutige Milieupartei ist. Egal welche Variable man anwendet, ob Arbeitslosigkeit, Durchschnittseinkommen oder Beruf- die Wählerschaft bleibt meist sehr heterogen. Es gibt durchaus Tendenzen, die auf eine stärkere Präferenz in den unteren sozialen Milieus hindeuten, die sich aber in der Betrachtung der quantitativen Gesamtwählerschaft wieder aufheben. Doch auch das Schielen auf ein vermeintlich konservativ-intellektuelles Bürgertum dürfte anhand der verfügbaren Daten keine nennenswerten Wahlerfolge mit sich bringen. Für die AfD bedeutet dies in Zukunft, vor allem regionalspezifische Konzepte der Wähleransprache zu entwickeln und bundesweite Kampagnen dafür auch entsprechend zu flexibilisieren.

3.Abstiegs- und Verlustsorgen politisch-empathisch aufgreifen.

Wir erleben mit dem Aufstieg der AfD und anderer rechtspopulistischer Bewegungen in Europa vermutlich eine Entwicklung, die in ihrer Tiefe und Grundsätzlichkeit noch gar nicht erkannt wurde. Objektivierende und rationale Erklärungsmuster, wie sie zumeist auch aus den sozioökonomischen Betrachtungen folgen, reichen nicht aus, um das Phänomen in seiner Gesamtheit zu verstehen. Die Emotionen und Mentalstrukturen, wie sie zu erkennen sind und sich äußern in der Abwendung von den Eliten, den Abstiegssorgen, den übergenerationalen Erfahrungen und den antizipierten Zukunftsängsten bedürfen in Zukunft gründlicher Aufarbeitungen und fester empirischer Fundamente, die dann in politische Botschaften und Inhalte übersetzt werden können.

Wir sehen in vielen Milieus eine große Wohlstandsillusion, die den Menschen zwar sichere Arbeit und ein gutes Einkommen vermittelt – aus diesem Grund sind auch die Mehrheit der AfD-Wähler mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage zufrieden – und zugleich ziehen sich durch die Erwerbsbiographien zahlreiche Brüche, ungewisse Beschäftigungsverhältnisse und die Schwächung betrieblicher Solidaritätsnetzwerke sowie die Gewissheit, dass der Lebensstandard der Elterngeneration nur schwierig zu erreichen sein wird. Das alles ist noch keine Zuspitzung einer neuen Klassenfrage, aber sehr wohl die Andeutung eines fundamentalen Kultur- und Wertekonflikts.

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