Wahlkampfschnipsel - Teil 03

Der neue Artikel unserer Serie „Wahlkampfschnipsel“ beschäftigt sich mit sich einmal mehr mit der Macht der Stimmungen und ihre die Limitierungen echter Wandelpotentiale. Warum drücken sich gesellschaftliche Stimmungen nur selten auch in demoskopischen Ergebnissen aus? Wir analysieren es anhand des aktuellen Umfragenabsturzes der Grünen und der mangelnden Durchschlagskraft der AfD trotz konservativer und rechter Sehnsüchte in der Bevölkerung. Zusätzlich gehen wir nochmals auf den Start Wahlkampagne der AfD ein und schauen uns praktische Möglichkeiten und Maßnahmen an, die jetzt getroffen werden müssen um die Kampagne in Schwung zu bringen. 

Der verflogene Hype – Kognitive Dissonanzen in der deutschen Wählerschaft.

Während Medien und Establishment schon von der bunten Regenbogen-Republik unter der Kanzlerin Annalena Baerbock träumten, tritt nun die Phase der großen Ernüchterung und der harten gesellschaftlichen Realitäten ein. Vor einer Woche titelte der Spiegel „Bloß keine Experimente“ mit einem Leitartikel über die große Illusion vom vermeintlichen Willen zum Wandel und zur Veränderung der Deutschen. Der Artikel zeigt vor allem die kognitiven Dissonanzen in der deutschen Wählerschaft auf, die einerseits viele programmatische Punkte der Grünen teilen, aber andererseits nicht bereit sind, auch in der eigenen Lebenswirklichkeit dafür entsprechende Konsequenzen in Kauf zu nehmen. 24% der Deutschen gaben an, sie würden bei kommenden Flugreisen einen Aufpreis zur Kompensation des CO2-Verbrauchs zahlen. In der Praxis sind es aktuell nicht einmal 1%, die derartige Zusatzzahlungen, sofern sie von den Fluggesellschaften angeboten werden, auch tatsächlich leisten. Über 70% der Deutschen lehnen teurere Spritpreise ab und auch als die Grünen vor wenigen Wochen noch die Umfragen als stärkste Kraft im Bund anführten,  gab es in der Konstellation einer Schwarz-Grünen Koalition eine klare Präferenz für eine Regierungsführerschaft unter CDU/CSU.

Ein ähnliches Bild zeigt sich seit Jahren auch in den klassisch rechtskonservativen Fragen zur inneren Sicherheit, Kultur- und Migrationspolitik. Sowohl in der Ablehnung der wachsenden islamischen Einflussnahme in Deutschland, als auch in Fragen des Zuzugs von Migranten oder im Meinungsspiegel zur Europäischen Union zeigen sich zumeist gesellschaftliche Mehrheiten, die mit den Positionen der AfD übereinstimmen. Selten spiegelt dies jedoch auch die wahldemoskopischen Realitäten wieder. Dies zeigt, dass politische Einstellungsmuster nicht deckungsgleich mit ihrer realen Umsetzung oder einem bestimmten Handeln sind. Der Wähler kann nicht als rationales Subjekt beschrieben werden, dessen Entscheidungsfindung sich stets an einem fest ausgerichteten moralischen Kompass orientiert und alle Inhalte und Positionen des Parteiangebots nach den optimalen Lösungen für seine eigene subjektive Lebenslage abgleicht und verarbeitet. Der Wähler ist immer in einen bestimmten sozialen Kontext eingebunden, in dem auch Faktoren des Umfelds oder die Akzeptanz im Kollektiv und andere psychologische Zwänge und Bindungen eine Rolle spielen.

Die Tatsache der kognitiven Dissonanz ist nun auch genau das, was den Grünen ihr notwendiges 25% +X-Umfrageergebnis zum Gewinnen der Bundestagswahl dahinschmelzen lässt. Krisengebeutelt vertraut man instinktmäßig dem Sicherheitsversprechen von CDU/CSU, was sich in den Umfragewerten für diese Partei niederschlägt. Die Sehnsucht nach dem großen Wandel wird von einer sicherheitsorientierten „Normalität“ gebremst, die zwar auch die AfD versucht einzufangen, jedoch kaum mit einer authentischen Erzählung verknüpfen kann. Die Partei schaut derzeit aus der Stagnation heraus dabei zu, wie sich die Wählermassen von CDU und Grüne im Austausch befinden und Jene bei der CDU, die um jeden Preis die Grünen in der Regierungsbeteiligung verhindern wollen, zur FDP wandern.

Der AfD-Wahlkampf

Die Spitzenkandidaten stehen fest, die meisten Listen sind gewählt, das Programm ist veröffentlicht und der Hauptslogan sowie die visuelle und sprachliche Basis für die Kampagne stehen in den Startlöchern. Dennoch wirkt der aktuelle AfD-Wahlkampf immer noch etwas verschlafen und träge. Das Spitzenduo um Weidel und Chrupalla hat abgesehen von ein paar kleineren Wahlkampfauftritten von Chrupalla in Sachsen-Anhalt und einem Auftritt bei Anne Will noch nicht allzu viele Akzente gesetzt. In den digitalen Medien sind die beiden bis dato auch nur wenig präsent. Auf Weidels YouTube-Kanal findet sich lediglich ihre Bewerbungsrede für die Spitzenkandidatur und auch bei Chrupalla findet sich nur ein szenisch attraktives aber handwerklich mit vielen Fehlern behaftetes Imagevideo, welches kurz vor der Spitzenkandidatenwahl veröffentlicht wurde. Auf Facebook und Instagram leisten beide Kandidaten Content nach Vorschrift, wirken aber auch hier nicht gerade als inhaltliche Impulsgeber für den Wahlkampf oder bauen eine attraktive und mitreißende Inszenierung und Erzählung ihrer Persönlichkeiten auf. Die Passivität, die wir in einem früheren Artikel bei Weidel und Chrupalla im Vorfeld des Mitgliederentscheids kritisiert haben, setzt sich aktuell leider fort. Hier bräuchte es einen dringenden medialen Powerschub über eine gemeinsame Kampagnenwebseite des Spitzenduos, die verstärkte Einbindung alternativer Medienmacher und Nutzung ihrer entsprechenden Plattformen und Formate mit Wiedererkennungswert und zeitliche Routine über den gesamten Verlauf der Kampagne.

Wer hierfür etwas Inspiration braucht, sollte durchaus einmal ins Nachbarland Frankreich blicken, wo Marine Le Pen erst kürzlich zu den französischen Regionalwahlen gezeigt hat, wie eine starke und moderne personenzentrierte Kampagne funktionieren kann. Starke, episch anmutende, ästhetische und vor allem qualitativ saubere Bilder als Portraits und in Menschenmengen, die, von einem offensichtlich professionellen Parteifotografen geschossen, nicht dem Zufall überlassen wurden. Die mediale Präsentation ist gekennzeichnet durch ein effektives Wechselspiel zwischen Mainstreammedien und eigenen diversifizierten und vielfältigen Formaten und glänzt generell durch ein grundsympathisches und attraktives Auftreten.

Die Themen fehlen

Die Wahlkampagne 2017 war stark vom thematischen Rückenwind der Nachwehen aus der Flüchtlingskrise 2015 beflügelt. Innere Sicherheit und Migrationspolitik waren die Top-Themen, die die Wahlentscheidung der Deutschen damals beeinflussten. Hinzu kam die unvergleichbare linksextreme Gewaltorgie im Hochsommer 2017 durch den G20-Gipfel in Hamburg. Die Partei konnte auf dem medialen und gesellschaftlichen Agenda Setting surfen und musste sich lediglich als Angebot vernünftig präsentieren, ohne mühsam eigene Themen in den Diskurs hinein zu positionieren. Einen Monat vor den Bundestagswahlen 2017 gab noch eine deutliche Mehrheit von 47% an, dass die Zuwanderung das wichtigste Zukunftsproblem Deutschlands darstelle. Diesen Platz hat inzwischen die Klima- und Umweltpolitik abgelöst.

Auch die klare Kante gegen die Corona-Politik der Bundesregierung verliert an Aufmerksamkeit und Mobilisierungseffekt. Vor der nächsten Bundestagswahl wird ein weiterer Lockdown unwahrscheinlich bleiben. Die Lockerungen in der Gastronomie und in der Tourismusbranche werden mögliche Frustrations- und Abneigungseffekte gegen die Regierungspolitik stark abfedern. Dass die Politik der Corona-Opposition schon jetzt einen eher stagnierenden Effekt hat, haben schließlich auch die Ergebnisse der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt für die AfD gezeigt.

Vor wenigen Monaten wurde der Lockdowns und seine ökonomischen und sozialen Folgen noch als Trumpfkarte für den AfD-Wahlkampf vermutet. Nicht einmal 100 Tage vor der Wahl rächt es sich, dass die Partei ihre Opposition gegen die Corona-Politik auf Nebenkriegsschauplätze wie die Masken- oder Impfpflicht gelegt hat. Über den gesamten Zeitraum der Pandemie haben die Umfragedaten deutlich gezeigt, dass die Menschen das Virus durchaus ernst genommen haben und bis auf wenige Ausnahmen mit dem unmittelbaren Krisenmanagement der Bundesregierung mehrheitlich auch zufrieden waren. Die Partei versuchte durch Anknüpfung an die Querdenkerdemonstrationen, den oppositionellen Exklusivanspruch des Straßenprotestes für sich zu reklamieren und findet nun jedoch ein kaum mehr organisiertes und mobilisierungsstarkes Sammelsurium aller möglichen politischen Exoten vor, deren Widerstand auf der Straße sich nur schwer in demoskopisch relevanten Wählergruppen wiedererkennen lässt.

Was kann die AfD jetzt noch tun?

Trotz der bereits geschaffenen Wahlkampfbasis (neue CI, gewähltes Spitzenteam, Slogan) plagen die Partei offensichtlich immer noch strukturelle Probleme, die die echte Kampagnenfähigkeit ausbremsen. Das Kampagnenteam (sofern es denn schon feststeht) steht vor der schwierigen Aufgabe, einerseits die teils tiefen Gräben zwischen den unterschiedlichen Lagern für die volle Einsatzbereitschaft in diesem Wahlkampf zu motivieren und gleichzeitig anschlussfähige thematische Schwerpunkte zu finden, die die Lebenslagen und Gemütszustände der Menschen sensibel erfassen und targetieren können. Das ist eine komplexe Aufgabe in einer Situation, wo sich die Zielgruppenanalysen meist nur auf oberflächliche demographische Daten und Anekdotisches beschränken. Allein das Wahlkampfmanagement scheint dieses Jahr schon eine harte Nuss für die Partei zu werden.

Optimierungspotentiale für den anstehenden Wahlkampf:

  • Kreisverbandstour des Spitzenteams – Keine Wahlkampfkampagne kommt ohne die partizipative Einbindung der Mitgliederschaft aus. Das bedeutet, dass vor allem über die Spitzenkandidaten mit Ortsbesuchen nicht nur die klassischen politischen Inhalte präsentiert werden müssen, sondern auch das mitreißende und pulsierende Gefühl der Kampagne transportiert werden muss. Das bedeutet für das Spitzenduo Weidel und Chrupalla, sich in den kommenden Wochen in den Wahlkampf-Tourbus zu schwingen und möglichst viele Kreisverbände mittels eines professionellen Eventmanagements mit guten, motivierenden und in Erinnerung bleibenden Veranstaltungen zu bespielen.
  • Wahlkampf Ideenwettbewerb – Mit dem Mitgliederentscheid zur Wahl des Spitzenduos hat die AfD einmal mehr bewiesen, dass sie immer noch Basisbeteiligung kann. So könnte die Mitgliederschaft und das engere Sympathisantenumfeld in einem offenen Ideenwettbewerb für Wahlkampfaktionen und Kreativmittel eingebunden werden. An dessen Ende wählt die Kampagnenleitung dann die besten Ideen für Contentformate, Guerilla-Wahlkampfaktionen, Mini-Kampagnen usw. aus, setzt diese um und belohnt die Ideengeber mit verschiedenen Preisen.
  • Umsetzung des Newsroom-Konzepts – Wie bereits beschrieben, wird die AfD vor allem mit ihrer Nicht-Erwähnung in den Mainstreammedien wesentlich stärker zu kämpfen haben, als noch 2017. Umso wichtiger wäre es, das langangekündigte Newsroom-Konzept, welches ursprünglich für die Bundestagsfraktion vorgesehen war, zu reanimieren und im Kleinen als Instrument für die Bundestagswahlkampagne einzusetzen. Eine organisatorische Skizze haben wir dazu bereits hier verfasst. Insbesondere im audiovisuellen Bereich kann hier noch wesentlich mehr Potential herausgeholt werden.
  • Alternative Medienmacher einbinden – Von der reinen Vernetzung mit alternativen Medienmachern hin zu gemeinsamen Projekten wie Dokumentationen, Kurzportraits, Interviews und anderen Exklusivinhalten.
  • Eine authentische Erzählung – Wer überhaupt mögliche Wandelstimmungen in entsprechende demoskopische Mehrheiten transformieren will, braucht hierfür eine alternative Erzählung zum hegemonialen Mainstream. Die Grünen nehmen hierfür die Urangst von der Klimaapokalypse deren Eintreten nur durch ihre politische Vision abgewendet werden kann. Bei der FDP ist es die liberale Freiheitserzählung, die ihr politisches Gewicht verleiht. Und was ist die konservative Erzählung auf Seiten der AfD? Ist es jene Lücke, die die CDU aufgrund ihrer programmatischen Beliebigkeit vor einigen Jahrzehnten bereits offengelassen hat, die aber nirgends politisch aufgefüllt werden konnte?

    Vielleicht ist es tatsächlich die Geschichte der „Normalität“ so wie es auch das Kampagnenmotto der Partei widerspiegelt. Doch was bedeutet diese Normalität, welche emotionalen Welten der Menschen eröffnen sich damit? Wo liegen die Sehnsüchte und authentischen Hoffnungen nach Normalität? Wie äußert sich Normalität im unmittelbaren Lebensalltag? Während der Wahlkampfspot zu diesen Fragen einen kleinen Vorausblick schaffte, wäre es jetzt die zentrale Aufgabe, die Erzählung von der Normalität in einen geschlossenen Rahmen zu bringen, der ein Identifikationsangebot schafft und den noch abstrakten Zentralbegriff der Normalität mit echten Menschen, Schicksalen, Hoffnungen und Träumen konkret werden lässt. Es gibt einige positive Erzählstränge, die nicht einfach auf platte politische Programmpunkte komprimiert werden müssen, sondern der Zielgruppe durchaus einen großen Imaginationsraum eröffnen. Die Kernerzählung müsste den Konflikt des Kosmopolitismus gegenüber dem Partikularismus umreißen, in dessen Verbildlichung das genügsame und verwurzelte Leben des einfachen Bürgers in seiner Heimat dem großstädtischen Nomadenleben und der anonymisierten Multikultur gegenübergestellt wird. Es stünde dann das Leben im Kreis von Familie und Nächsten als gesunde Basis gegenseitigen Vertrauens der neulinken „Wokeness“ gegenüber, die alle bewährten Lebensentwürfe zerstört, die essentiell für Sicherheit, Vertrauen und Freiheit in der Gemeinschaft unseres Volkes waren und sind. Ebenfalls könnte man den Kontrast aufzeigen zwischen eigenverantwortlichen und fleißigen Bürgern und Jenen in zunehmender staatlicher Abhängigkeit und Alimentierung.

    All diese gesellschaftspolitischen Kämpfe in denen die AfD ihre Rolle als Vertreter der Normalität einnimmt, dürften nicht nur mit simplen Slogans kommunikativ vermittelt werden, sondern müssten sich in ein Stimmungsbild einfügen, welches ein Gefühl der Welt und einen atmosphärischen Rahmen vermittelt, den die Kampagne visuell, sprachlich und kommunikativ abdecken sollte.  

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