Skizze einer
Medienkampagne

Nach der großen Löschwelle der großen Big Tech Plattformen stehen viele Akteure vor der Frage, wie die eigene Öffentlichkeitsarbeit in Zukunft ausgestaltet werden kann. Auch der größte Player im nonkonformen, konservativen und patriotischen Milieu in Form der AfD muss sich neue Gegenstrategien überlegen, wenn über die Mainstreamkanäle ein Kartell des Schweigens gelegt ist. Wir skizzieren eine mögliche Gegenstrategie, die als Impuls für weiterführende Überlegungen dienen soll. 

Es dürfte ein Novum in der Geschichte gewesen sein, dass sich ein privater Konzern, dessen Plattform jedoch bereits mehrfach gerichtlich als öffentlich bedeutsame Kommunikations- und Austauschplattform angesehen wurde, selbst ermächtigt, den Account des mächtigsten Mannes der Welt zu löschen. Donald Trump war unter den Top Zehn der Twitter-User mit den meisten Followern. Seine Wahlkämpfe und seine Präsidentschaftslegislatur waren auch von seinen Tweets in dem Netzwerk geprägt. Mit ihm verschwanden nach dem „Sturm“ auf das Kapitol tausende weitere Accounts von konservativen, rechten und kritischen Stimmen. Die Liste ist lang: KenFM- wurde auf YouTube gelöscht, Stephen Bannon auf allen relevanten Social-Media-Plattformen verbannt, Accounts der Jungen Alternative willkürlich ausgeschaltet usw. usw.

Auch in der AfD hat man dieses Problem jetzt deutlich erkannt und setzte in der letzten Sitzungswoche des Deutschen Bundestages eine aktuelle Stunde zum Thema „Big Tech und Meinungszensur“ an. Für oppositionelle Stimmen waren die sozialen Netzwerke ein Segen und wichtiges Instrument für die kommunikative Platzierung der eigenen Inhalte. Parteien dürften angesichts der Rechtsprechung zu den sozialen Plattformen einen besonderen Schutz vor Löschungen haben. Zugleich hat die AfD wahrscheinlich auch mehr juristische und finanzielle Ressourcen zur Verfügung, um eventuelle Rechtskämpfe erfolgreich zu bestreiten. Doch um die Partei auf Facebook und anderen Plattformen zum Schweigen zu bringen, braucht es nicht gleich den großen Löschpanzer. Reichweitenbeschränkungen, temporäre Sperren, Shadow-Banning und Co. sollten ausreichen, um die AfD in den kommenden Wahlkämpfen von den wichtigsten kommunikativen Schnittstellen zu ihrer Zielgruppe abzuschneiden.

Wie kann die Partei darauf reagieren? Wie kann eine Langzeitstrategie aussehen, die nicht nur auf die herkömmlichen Phrasen von Vernetzung und Zusammenhalt setzt und von defensiven Empörungsritualen übergeht zu einem proaktiven Angriffsmodus?

Der Zustand:

Vor jeder aktiven strategischen Stoßrichtung steht zunächst die Desillusionierung und Vergewisserung der realen Ziele und Potentiale. Die AfD ist über die Jahre 2015 – 2017 nicht nur durch Social-Media gewachsen, sondern in einem nicht unerheblichen Maße durch die Dauerpräsenz in etablierten Mainstreammedien. Alice Weidel bei Anne Will mit einer 10-Millionen-Einschaltquote erreicht immer mehr Leute als gut laufendes Facebook- oder Instagramposting. Das klassische Fernsehen mag sich zwar in einem Abwärtstrend befinden, doch noch behält Fernsehen die Oberhand über die Social-Media-Plattformen.

Auch ist der Konsum von Fernsehen wesentlich aktiver und konzentrierter als das Durchscrollen durch die Facebook-Timeline. Die Beliebtheit des Fernsehens ist noch einmal in verschiedene Alterskategorien zu differenzieren. Wenig überraschend verliert es in jungen Zielgruppen massiv an Bedeutung, während in den älteren Semestern ab 50+ das Fernsehen seine volle Dominanz zeigt. Angesichts der Tatsache, dass die Generation 50+ seit der letzten Bundestagswahl die Mehrheit der Wahlberechtigten ausmacht, ist es nicht verwunderlich, dass über die klassischen Polittalkshows wie Anne Will, Maybritt Illner, Hart aber Fair etc. politische Parteien noch immer die stärkste quantitative Reichweite ihrer eigenen Botschaften rausholen können.

Dass die AfD nicht mehr in Talkshows eingeladen wird, ist ein ärgerlicher und skandalöser Vorgang. Doch es bleibt ein Fakt und reiht sich ein in eine kollektive Strategie des Verschweigens der Mainstreammedien. Die AfD bleibt für Menschen, die hauptsächlich Fernsehen konsumieren, unsichtbar und gerät in Vergessenheit. Damit muss man umgehen. Es wird auf absehbare Zeit keine Intendanten geben, die sich den Hyänen der linken Blockwarte widersetzen und konsequent AfD -Politiker einladen, um ein möglichst plurales demokratisches Spektrum zu repräsentieren. Die AfD wird sich nicht in die Talkshows einklagen können und es wird keine gehackten Sendestationen geben, wodurch in Dauerschleife eine Videobotschaft von Alice Weidel abgespielt werden kann. Diese Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen und anzuklagen, ist sicherlich wichtig, doch es hilft nichts, sich darüber nur zu beschweren und sich dann im Zweifel mit der derzeitigen öffentlichen Kommunikationsreichweite zu begnügen und hoffnungsvoll in der Bundesgeschäftsstelle darauf zu warten, dass aus der Markus-Lanz-Redaktion doch noch eine Einladung zur nächsten Sendung folgt.

Newsroom – Kampagenenbaustein 1
Umsetzung des AfD-Newsrooms als Arbeitszentrum und Nachrichtenproduktionsstätte für den Aufbau einer echten Gegenöffentlichkeit und als symbolische Operationsschaltstelle im Infokrieg.

Zu Beginn der Legislaturperiode gab es in der AfD-Bundestagsfraktion große Ankündigungen für den Aufbau eines eigenen Newsrooms. Das Konzept entstammt aus den Büros amerikanischer Zeitungsredaktionen und Fernsehstationen und stellt sich als eine räumliche Einheit dar, über die Nachrichten und Meldungen gebündelt werden und von Journalisten verschiedener Ressorts an einer Stelle zentral bearbeitet werden. Ziel ist es, Abstimmungsprozesse und die reaktionsinterne Kommunikation auf Geschwindigkeit und Effizienz hin zu optimieren.

Im Falle der AfD-Fraktion gab es 2018 scheinbar noch ein Bewusstsein und echte Überlegungen für die Notwendigkeit, die eigene Öffentlichkeitsarbeit nicht vom Wohlgefallen etablierter Journalisten und Mainstreammedien abhängig zu machen. Die Bilanz fällt jedoch ernüchternd aus und von den geplanten 20 Mitarbeitern, die rund um die Uhr die Nachrichtenlage auswerten, Themen setzen, Fakten checken und Content wie am Fließband produzieren, ist derweil wenig zu sehen.

Dabei fehlt es dem patriotisch- konservativen Lager durchaus an wichtigen journalistischen Formaten, die aufgrund von Zeit- und Finanzaufwand von bereits bestehenden Strukturen kaum gestemmt werden können. Das Feld eines konservativen Investigativjournalismus ist völlig unzureichend bespielt, nicht weil es bei der politischen Konkurrenz nichts aufzudecken gäbe, sondern weil investigativer Journalismus viel Geld kostet und zeitlich für ein einziges Thema Monate bis Jahre in Anspruch nehmen kann.

Nach den großen Löschwellen in den sozialen Netzwerken und weiteren Ankündigungen zur Beschneidung der Meinungsfreiheit wäre es ein Paukenschlag, wenn die AfD mit einer starken Eigenvermarktung den lange angekündigten Newsroom für die entscheidenden Wahlen im September 2021 realisieren würde: Ein Vertreter des Bundes- und Fraktionsvorstandes hält in einem mitreißenden Video eine kurze Ansprache, bei der das Schnittbild mitten in die Kommandozentrale des Newsrooms überleitet. Junge Leute sitzen an den Rechnern, bauen Social-Media-Banner, produzieren Videos im hauseigenen Studio, erstellen Landingpages und Blogs und eigene Reporter gehen raus auf die Straßen und zeigen die Bilder, die in der ARD und dem ZDF nicht mehr gezeigt oder manipuliert werden.

Das Ziel des Newsrooms kann es natürlich nicht sein, nur einen weiteren etwas aktuelleren Online-Blog im Vergleich zu bestehenden nonkonformen Formaten zu schaffen. Vielmehr kommt es darauf an, große Zielmarken zu setzen, an denen es in der bisherigen Gegenöffentlichkeit noch mangelt. Dazu gehören Reportagen, Dokumentationen, eine Tageszeitung (im Verbund mit bereits existierenden patriotischen Verlegern), 24h-Online-Sender, qualitativ ansprechendes Kulturprogramm, Faktenchecker, Investigativberichte und Exklusivmeldungen, die nicht zwangsläufig aus dritten Quellen stammen. Auch wenn man keine 8 Milliarden Euro an staatlichen Fördergeldern wie die Öffentlich-Rechtlichen erhält, so muss das motivierende Mindset dieser Kampagne auch als eine symbolische Kampfansage an den Sumpf der Öffentlich-Rechtlichen verstanden werden.

Unterstützungsfonds für alternative Medienmacher
Influencer und Lautsprecher identifizieren und gezielte Förderung von jungen Bloggern, Filmemachern und Podcastern mit Stipendien, Stiftungspreisen und durch einen Medieninvestitionsfond.

Im Vorfeld der AfD gibt es bereits einen großen Kosmos an Content-Formaten, die die Themen der Partei bespielen und ihr den Zugang zu neuen Zielgruppen eröffnen. Diese jungen (und auch alten) Content Creator sind meist Regisseure, Redaktionsleiter, Kameramänner, Cutter und Hauptprotagonisten in einer Person. Allein von Spenden ihrer Community leben können die Wenigsten. Das mag eine gute idealistische Schule sein, doch zu einer professionalisierten politischen Arbeit gehört unweigerlich die finanzielle Absicherung für jene, die den Rest ihres bürgerlichen „Normalo“- Lebens zurücklassen wollen und sich noch intensiver, professioneller und zeitaufwändiger ihren Medienformaten widmen wollen. Reporterteams in großen Zeitungen können auf Rechercheteams, eigene separate Kameraleute, Tontechniker und Assistenten zurückgreifen. Diese strukturelle Stärke des Mainstreams kann nur bedingt durch unentgeltlichen Idealismus ausgeglichen werden.

Deshalb braucht es ein Auffangnetz für konservative Medienschaffende, welches von der AfD und ihrer Stiftung in Zukunft geschaffen werden muss. Über Stipendien können Studenten sich auf die Reichweitenerhöhung ihres YouTube-Kanals kümmern, anstatt für 450€ im Monat bei Aldi an der Kasse zu sitzen. Aus Hilfsfonds können mit guten Konzeptanträgen Mittel für Equipment und Assistentenpersonal freigegeben werden und eigene Konferenzen und Großveranstaltungen vernetzen das nonkonforme Medienpotential in Deutschland und schreiben Preisgelder für die besten und vielversprechendsten Formate im laufenden Jahr aus.

Die Devise lautet, nicht über Rezo &Co. zu jammern, sondern eigene konservative „Rezos“ aufzubauen und zu unterstützen!

Stärkung alternativer Plattformen

All der große Aufwand um Medienförderfonds und Newsrooms ist natürlich witzlos, wenn die Destruktionsspirale des Deplatformings und das schlichte technische Abschalten kritischer Stimmen auf den herkömmlichen Plattformen voranschreitet. Hier beginnt das große Dilemma zwischen den zensursicheren Alternativen wie Bitchute, Telegram und Gab und auf der anderen Seite der Gewohnheit und Trägheit der eigenen Community auf Facebook, Twitter und YouTube. Auf die etablierten Social-Media-Plattformen wird man für eine ernsthafte und breitenwirksame Öffentlichkeitsarbeit nicht verzichten können. Und dennoch können Netzwerkeffekte über alternative Plattformen nur dann erreicht werden, wenn auch die großen „Player“ hier exklusiven Content anbieten und regelmäßig ihre Community zum Wechsel auffordern. Dies muss selbstverständlich einer klugen Ausbalancierung und Vermarktungsstrategie folgen.

Fazit:

Unter Mainstreamjournalisten gibt es seit nunmehr zwei Jahren einen Metadiskurs über den Umgang mit der AfD. Inzwischen hat sich weitgehend der Konsens durchgesetzt, dass man der AfD keine Plattform bieten sollte, um sie aus möglichst allen gesellschaftlichen Diskursen zu isolieren. Dieser Trend wird sich auch im kommenden Bundestagswahlkampf fortsetzen und verstärken. Natürlich wird es ein Skandal sein, wenn in großen Diskussionsrunden AfD-Vertreter nicht eingeladen werden und die Altparteien sich gegenseitig den Bauch pinseln. Doch es wird so kommen. Von daher sollte die Partei ihr Stärkenprofil im Bereich der sozialen Medien ausbauen, professionalisieren und vor allem auch organisatorisch koordinieren, um über ihre nahestehenden und eigenen Plattformen ein starkes Gegengewicht abzubilden. Hier sollte eine der größten Herausforderungen für die Kampagnenplaner und Wahlkampfkoordinatoren in den Geschäftsstellen liegen, anstatt zu viel Zeit auf die gerechte Verteilung der Flyer und Wahlplakate in den örtlichen Kreisverbänden zu legen.

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