Wahlkampfschnipsel (Teil 2)

Die Serie „Wahlkampfschnipsel“ beobachtet und analysiert einmal pro Woche die neuesten Entwicklungen im Superwahljahr 2021 und seziert Chancen und Potentiale für die konservativ-patriotischen Kräfte in einem bedeutenden Jahr, welches die komplette politische Architektur der Bundesrepublik umkehren könnte. Wir schauen auf Strategien der anderen Parteien, identifizieren Schwächen und Stärken und schauen auf die strategischen Möglichkeiten, die sich insbesondere für die AfD ergeben.

Spitzenduo Weidel und Chrupalla

Nach dem Online-Mitgliederentscheid stand am vergangenen Dienstag nach langen internen Debatten über Form und Verfahren endlich das Spitzenteam für die Bundestagswahl im September 2021 fest. Mit Chrupalla und Weidel konnten sich die beiden Favoriten gegenüber dem Team Wundrak und Cotar durchsetzen. Wenn auch die interne Kampagne von Wundrak und Cotar mit viel Engagement geführt wurde, konnten sie offensichtlich ihren Rückstand in den allgemeinen Popularitätswerten ihrer Gegenkandidaten nicht aufholen, sodass Weidel/Chrupalla mit 71% doch recht deutlich ins Ziel liefen.

Wenig überraschend gingen sowohl medial als auch in der Partei die Interpretationsgewitter los. Mainstreammedien sahen mal wieder die Bestätigung eines weiteren „Rechtsrucks“. Unterstützer des Cotar/Wundraks – Lagers sahen die letzte Chance verfliegen, dass die AfD vielleicht doch noch die gläserne 20%-Decke durchbrechen könnte. Und einige Unterstützer von Weidel und Chrupalla sehen jetzt die Zeit gekommen, den Parteivorsitzenden Meuthen zum Rücktritt zu bewegen. Ohne Frage war dessen einseitige Unterstützung für Cotar und Wundrak, ohne selbst zu kandidieren, mehr als befremdlich. Dennoch sollte mit dem Abschluss dieses Wahlverfahrens auch ein Schlussstrich unter die ermüdenden Konfliktfronten gezogen werden. Die Personalfragen sind fürs Erste geklärt. Jetzt müssen Inhalte, Kampagnen, Wähleranalysen und Strategien auf die Tagesordnung. 

Schwung in die Kampagne bringen

Abgesehen von visuellen Veränderungen hinsichtlich des Designs der digitalen und öffentlichen Auftritte der Kampagne „Deutschland-Aber normal“ ist die heiße Kampagnenstimmung bei der AfD noch nicht erkennbar. Natürlich hat man noch Zeit bis zum eigentlichen Wahltermin am 26.September, allerdings sollte man beachten, dass sich bei der letzten Bundestagswahl 51% der AfD-Wähler frühzeitig für die Wahl der AfD entschieden haben und nur 23% Kurzentschlossene waren.

Schaut man bereits jetzt auf die Kampagnenfähigkeitspotentiale der Konkurrenz über Union, SPD, FDP und Grüne, so sind die Ressourcen der AfD weitaus limitierter als die einer CDU, die mit einer der größten Werbeagenturen Europas, „Serviceplan“ in die Schlacht zieht. FDP und Grüne haben sich in den vergangenen Wochen einen bemerkenswerten Überbietungswettbewerb von Großspenden im sechs- bis siebenstelligen Bereich geliefert. Das lässt erahnen, mit welcher Werbepower die schärfsten AfD-Konkurrenten in das Rennen gehen werden.

Das sind schwierige Voraussetzungen für die AfD, die noch immer von ihren internen Konflikten gelähmt ist und die derzeit nicht wirklich die Krisenstimmungen der letzten anderthalb Jahre Corona-Krise für sich zu nutzen wusste. Die Sehnsucht nach „Wandel“ in der Bevölkerung greifen aktuell die Grünen auf und die FDP sammelt das Protestpotential gegen den Lockdown und Grundrechtseinschränkungen auf, welches die AfD bei den Querdenkern aufgrund der dort doch recht apolitischen und „hippielinken“ Grundstimmung nur bedingt mobilisieren konnte.

Die AfD findet sich also nicht in einer ähnlichen Situation wie 2017 wieder, wo die wahlentscheidenden Themen vor allem die Migration und die innere Sicherheit betrafen. Die öffentliche Isolation aus den Mainstreammedien hat sich innerhalb der letzten vier Jahre deutlich verschärft. Es gibt keine aktuelle Stimmungswelle, von der die Partei automatisch profitieren könnte. Dementsprechend wird der Erfolg oder Misserfolg der Bundestagswahl wesentlich von der Performance der eigenen Kampagne abhängen. Wie gut versteht es das Spitzenteam und der Beraterstab am Ende, die richtigen Zielgruppen und Potentiale zu identifizieren und adäquat anzusprechen? Wie können horizontale Medienökosysteme geschaffen werden, die das Agenda Setting der Partei selbst steuerbar machen und die Gatekeeper Funktion der etablierten Medien umgehen können, ohne zu viele Reichweitenstreuverluste in den Wählerschaftspotentialen hinzunehmen? Wie wollen die beiden Spitzenkandidaten ihr eigenes Image darbieten und eine medial attraktive Ikonographie inszenieren? Welche innovativen Ideen in der Digitalkampagne und den Partizipationsmöglichkeiten der Sympathisantencommunity in die Kampagne will man entwickeln? Mit diesen strategischen Fragen wird man sich jetzt auseinandersetzen müssen, um am Ende auch die Motivation und Aufbruchsstimmung an der Mitgliederbasis zu erreichen.

Die Stärke der FDP – Ein AfD-Dilemma

Nachdem die Grünen ihren ersten Hype hinter sich haben, folgen nun die ersten Ernüchterungen, die sich auch in den Umfragen niederschlagen. Armin Laschet und seine CDU hatten vermutlich gehofft, sich allmählich wieder in die Sichtweite des 30%-Bereiches konsolidieren zu können. Doch dort, wo die Grünen der Union bereits die Federn gerupft haben, kommt nun der nächste Player mit der FDP ins Spiel, der der CDU ihr verbliebendes Wählerpotential strittig macht. Aus Furcht vor einer grünen Kanzlerschaft haben sich auch einige prominente Unternehmer aus der Deckung gewagt und die FDP mit sechsstelligen Spendensummen unter die Arme gegriffen, damit Annalena Baerbock am Ende nicht in das Kanzleramt einziehen kann.

Die FDP scheint sich als der Kompromiss anzubieten für all jene, die nach Corona, Maskendealaffäre und dem peinlichen Machtkampf zwischen Laschet und Söder nicht mehr die CDU wählen möchten und dennoch den drohenden Linksruck nach der Bundestagswahl abbremsen wollen. Dass auch die FDP inhaltlich längst auf der linken Spur eingebogen ist, ist dabei unerheblich. Entscheidend bei der FDP ist in der Wählerwahrnehmung nicht das Produkt selbst sondern die Verpackung aus einem charmanten Christian Lindner, einem eloquenten und schlagfertigen Wolfgang Kubicki und der Metaerzählung einer digitalen und modernen Freiheitspartei mit marktwirtschaftlicher Profilierung. Dass die FDP in Fragen von Migration und Geschlechtspolitik den Grünen in Nichts nachsteht, ist für das Aufgehen ihrer Werbestrategie irrelevant.

Die FDP sammelt jetzt die enttäuschten Unions-Wähler auf der einen Seite ein und mobilisiert zugleich all jene, die Baerbock und möglicherweise sogar ein Rot-Rot-Grünes Bündnis verhindern wollen. Hieraus ergeben sich tatsächlich auch einige Schnittmengen in der potentiellen Wählerschaft der AfD. Während der typische Unionswähler immer älter und auch offener für linke Positionen wird und damit auch die Differenzen zur AfD-Wählerschaft wachsen, so lässt sich der klassische FDP- Wähler durchaus in ähnliche demographische und mentale Kategorien wie einige AfD- Wähler einordnen: Zwischen 35-50 Jahre, leistungsorientiert und überwiegend männlich.

Über die letzten Jahre wurde die FDP nicht als echte AfD-Konkurrenz wahrgenommen. Die AfD konzentrierte sich auf ein konstantes Wachstum in Richtung 20%. Die FDP dümpelte im einstelligen Bereich herum und war nach den gescheiterten Koalitionsverhandlungen zum Jamaika-Bündnis wieder einmal in einer Profilfindungsphase mit sich selbst beschäftigt. Nun stagniert die AfD bei 12% und die FDP hat sich für die kommende Bundestagswahl das ambitionierte Ziel der Überholung der SPD (aktuell zwischen 14-16%) gesetzt. Aktuell stehen sie bei 13% in den Umfragen und sind damit schon an der AfD vorbeigezogen.

Für die AfD stellt sich hier die kommunikationsstrategische Frage, wie man die Zugewinne der FDP auf das eigene Konto gutschreiben kann. Auch ein starkes AfD-Ergebnis könnte am Ende schließlich linke Mehrheiten im Bund verhindern. Vorsicht ist hier jedoch geboten, wo die Analyse nur zu einem generischen Ergebnis kommt, dass die AfD am Ende reine FDP-Themen spiegeln oder gar radikaler kommunizieren soll. Es geht nicht darum, die attraktivere FDP zu sein, sondern das attraktivere Alternativangebot entgegenzusetzen.

Hoffnung Sachsen-Anhalt 

Zwei Knalle erschütterten letzte Woche den politischen Nachrichtenbetrieb. Am Dienstag zeigte eine vom INSA-Institut veröffentlichte Umfrage in Sachsen die AfD als stärkste Kraft – ein kleiner Schock für Medien und Altparteien. Dann war jedoch schnell wieder Beruhigung angesagt. Schließlich steht die nächste Landtagswahl in Sachsen erst 2024 an. Doch dann wurde es mit einer Umfrage aus Sachsen-Anhalt schon etwas heikler. Hier sind in etwas mehr als einer Woche Landtagswahlen und die AfD führte diese INSA-Umfrage ebenfalls mit einem knappen Vorsprung vor der CDU an. Wenige Tage später kam dann die Entwarnung durch andere Umfrageinstitute, die wieder einen komfortablen Vorsprung der CDU konstatierten.

Es verspricht ein knappes Rennen in Sachsen-Anhalt um die stärkste Kraft zu werden. Die Machtkonstellationen sind vom AfD-Ergebnis noch völlig unabhängig. Dass es jedoch auf eine Viererkoalition zwischen CDU, GRÜNE, SPD und FDP hinauslaufen könnte, dürfte auch angesichts der Offenheit mancher CDU-Abgeordneter in Richtung AfD für reichlich Spannung und Konfliktpotential unter den Altparteien sorgen. In jedem Falle wäre allein schon das Halten eines 24%-Niveaus aus 2016 ein bemerkenswertes Ergebnis. Doch gar eine Steigerung oder ein Überholen der CDU wäre ein symbolisches Signal, was weit über die Landesgrenzen von Sachsen-Anhalt politisch strahlen würde. Die Medien würden sich in Empörungsritualen selbst entlarven und sich mit ihrer „Ursachenforschung“ stets auf ihre linksideologischen Deutungsmuster beschränken.

Dies verschafft der Partei wichtige Feldgewinne in der Aufmerksamkeitsökonomie und hilft, die eigenen Inhalte und Positionen in der Öffentlichkeit wieder prominenter zu platzieren. Am wichtigsten dürfte jedoch das Motivationssignal für die eigene Parteibasis sein. Erschöpft und abgekämpft von vielen innerparteilichen Kriegsfronten oder desillusioniert aufgrund der mangelnden politischen Durchschlagskraft und Wirksamkeit in den Parlamenten finden sich in vielen Landesverbänden resignierte Mitglieder und Wahlkämpfer, die mit einem ordentlichen Wahlbeben in Sachsen-Anhalt aus ihrer Lethargie herausgezogen werden könnten. Daher lohnt es sich jetzt umso mehr, im Schlussspurt dieses Wahlkampfes nochmal alles zu geben. Es gilt Fahrgemeinschaften, wenn nicht gar ganze Busse nach Sachsen-Anhalt zu organisieren. Nehmt eine Woche Wahlkampfurlaub im schönen Sachsen-Anhalt und organisiert digitale Task-Forces, die nochmal alles aus der Web- und Social Media – Performance rausholen. Der Erfolg in Sachsen-Anhalt könnte den Grundstein für das Abschneiden im September legen. Umso wichtiger ist es, schon jetzt richtig anzupacken und die Weichen zu stellen.

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